Montag, 24. Juli 2017

Selbstmord auf offener Bühne


Skulp & Blog -  eine postkryptische Bestandsaufgabe der Skulpturprojekte Münster 2017 mit multiplen Autoren - Gästen und Festen. Heute: Stephan Trescher

Collage: Stephan Trescher 2017

 


Selbstmord auf offener Bühne
oder: Arroganz und Dilettantismus in Zeiten des abnehmenden Lichts

Ein Abgesang


Die Skulptur-Projekte in Münster waren einmal angetreten, nicht einfach eine weitere Großveranstaltung im Kalender des internationalen Kunstjetsets zu sein, sondern eine Ausstellung mit einem Profil, einer Idee, sogar – man traut sich ja kaum, es zu sagen –  mit einem Anliegen.
Nach der Vorläufer-Ausstellung von 1977, deren höchst ehrenwertes Bestreben es in erster Linie war, den Bewohnern der westfälischen Provinzhauptstadt Nachhilfe in moderner Skulptur zu erteilen und zusätzlich zur Ausstellung im Museum auch noch ein paar Skulpturen von Gegenwartskünstlern im Außenraum zu präsentieren, erwies sich der letztgenannte Appendix als das eigentlich spannende und zukunftsweisende und wurde so seit 1987 zum Kerngeschäft der ab nun „Skulptur-Projekte“ geheißenen Schau.

Es ging um Skulptur, es ging um den öffentlichen Raum und das Wechselverhältnis zwischen den beiden; darum, neues Terrain zu erkunden für die Kunst, die nicht mehr länger in der Schutzzone des Museums alles tun konnte, was sie wollte, dafür aber niemanden mehr interessierte – sondern sich mit konkreten örtlichen, historischen und sozialen Gegebenheiten einer Stadt auseinandersetzen musste, für die neue Werke erdacht und produziert wurden. Der Gedanke des Ortsspezifischen und der Kunst im öffentlichen Raum brachte es auch mit sich, dass sich eine städtische Gesellschaft im Alltag plötzlich und unerwartet mit Kunst konfrontiert sah, wo vorher nur ein Parkplatz, eine Fußgängerzone oder ein Stück Wiese waren.

Dass dieser Idee nach 30 Jahren nicht mehr ganz so viel Sprengkraft oder Konfrontationspotential innewohnt, ist nicht nur normal, sondern begrüßenswerter Ausweis des Erfolgs der Strategie von „Kunst im öffentlichen Raum“. Die nun nicht mehr zuvörderst als Ärgernis an sich begriffen wird, sondern als eine Bereicherung des städtischen Lebensraums, bei der man (also der gewöhnliche Betrachter und nicht nur die Spezies der Kunstversteher) sehr wohl abwägen kann, was  ein ästhetisches Surplus ist und was nicht, was eine Auseinandersetzung mit dem Ort ist und was tatsächlich nur abgeworfener Kunstballast eines um den Globus hetzenden Trendkünstlers.
Wenn denn also die Idee einer Kunst im öffentlichen Raum. im künstlerischen Alltag und im gesellschaftlichen Mainstream angekommen ist, sollte man sich auf Seiten der Künstler und Kuratoren eigentlich freuen, dass man nicht das Rad neu erfinden und nicht wieder einen großen Hürdenlauf bewältigen muss, um eine solch große Ausstellung auf politischer Ebene überhaupt durchsetzen zu können.
Es ist aber noch lange kein Grund, die Idee wieder vollends in die Tonne zu kloppen. Genau das aber tut die momentane Ausgabe der Skulptur-Projekte, von der deswegen anzunehmen ist, dass es die letzte sein wird. 


Abschaffen gehen

Dass es nur noch sehr wenige Skulpturen in dieser Ausstellung zu sehen gibt, ist schon ein erstes Indiz für diese Tendenz zur Selbstabschaffung. Stattdessen wimmelt es von Performances, Videos, und Rauminstallationen. Die haben allesamt den Nachteil, dass sie nur in Innenräumen gezeigt werden können. Dabei ist es ziemlich egal, ob es sich dabei um ein Museum, eine Bücherei, das Rathaus oder das Foyer eines Bankgebäudes handelt – soll das der öffentliche Raum sein? Wollte das jemand ernsthaft so definieren, dann könnte man den Begriff gleich ganz für obsolet erklären. Beharrt man dagegen auf seiner ursprünglichen Bedeutung, muss man konstatieren, dass die Macher dieser Ausstellung das Gros der Kunstwerke eben NICHT im öffentlichen Raum zeigen.

Man möchte ganz offensichtlich lieber mit den anderen Großausstellungen im Kunstzirkus konkurrieren, egal ob Biennale oder documenta, man leistet sich zu diesem Behufe sogar eine Satellitenausstellung (was nun wirklich wie eine lächerliche Nachahmerei der fehlgeschlagenen Doppelstrategie von Adam Szymczyk wirkt – besonders albern, wenn man, notgedrungen, Marl mit Athen vergleicht oder die Distanzen zwischen Kassel und Athen einerseits und Marl und Münster andererseits. Aber das nur nebenbei).

Jedenfalls hat vor lauter Konkurrenzdenken – Die Messlatte für internationales Flair bemisst sich ja bekanntermaßen an der Zahl der orientierungslos durch die Gegend irrenden Japaner-Grüppchen. Wer gewinnt? Venedig, Kassel, Münster oder am Ende doch die Fußgängerzone von Heidelberg? – die Münstersche Skulpturenschau ihre ursprüngliche Idee völlig aus dem Blick verloren. 




Immer außer montags bis sonntags

Denn nicht nur die weggesperrten Werke, die wie in jeder anderen Museumsausstellung auch den gängigen Öffnungszeiten unterliegen, sondern auch viele Projekte im Außenraum sind verblüffenderweise plötzlich Gegenstand zeitlicher Beschränkungen:
Der Brunnen von Frau Eisenman ist erst ab 10 Uhr morgens zu sehen (wenn er nicht gerade repariert oder gesäubert wird) – vorher ist er unter Abdeckplanen verborgen (vielleicht um ihn vor dem bösen Regen zu schützen, mit dem ja bei der Aufstellung einer gipsernen Außenskulptur in Westfalen keiner rechnen konnte).

Der Erkmen-Steg ist auch nur ab Mittag für acht Stunden am Tag zu betreten, weil ja immer vier Rettungsschwimmer bereitstehen müssen, um Menschen daran zu hindern, sich im Hafenbecken zu ersäufen. (Das ist hierzulande der Preis für den Verzicht auf ein Geländer.)
Die Pirici-Performance gibt es erst nachmittags ab vier (außer montags) und die sieben LED- Bildschirme von Arakawa werden bei Einbruch der Dämmerung abgeschaltet und verhängt, auch wenn man sie tagsüber erwiesenermaßen nicht betrachten kann.

Da können einem die zahlreichen auswärtigen Besucher nur leidtun, die, bevor sie diesen Öffnungszeitendschungel überhaupt durchschaut haben, schon wieder abreisen müssen.
Jedenfalls wirkt die ganze Ausstellung eher wie eine deutsche Bürokratenspielwiese als wie ein internationales Kunstfreiluftereignis. Noch ist lobenswerterweise der Eintritt frei – aber es würde einen nicht wundern, wenn demnächst irgendwo auf der grünen Wiese eine Schranke mit Pförtnerhäuschen installiert würde, um auch im Freien Eintritt erheben zu können. 

Festzustellen bleibt: Die Idee von einer Kunst im öffentlichen Raum ist schon jetzt vollkommen ad absurdum geführt. Dass darüber hinaus die derart eingeschränkt zugänglichen Kunstwerke in diesem Jahr vor allem Langeweile verströmen, könnte man notfalls noch als vorübergehende Qualitätsdelle verbuchen.

Bedenklicher ist es da schon, dass, sollte mal etwas Skulpturähnliches auftauchen, es entweder nur ein Provisorium ist, eine ehemalige Skulptur, eine Skulptur nur auf der Meta-Ebene oder eine Skulptur über die Unmöglichkeit von Skulptur.


„Ignoranz ist eine Tugend

(Pope L. auf der documenta 14)
Wenn man aber der Gattung Skulptur so derart nicht mehr über den Weg traut, warum macht man dann eine Ausstellung darüber? Ehrlicher wäre es in jedem Fall gewesen, das Wort „Skulptur“ aus dem Ausstellungstitel zu streichen.
Aber das geht natürlich nicht, denn „Skulpturprojekte Münster“ ist längst zu einem Markenbegriff geworden, den man beibehalten muss. Was beweist, dass es hier schon längst um eine Form des Stadtmarketings geht und nicht um eine Form von Kunst. Ob das in diesem Falle von Erfolg gekrönt sein wird, lässt sich wohl erst in einigen Jahren erkennen, wenn die Touristen, die jetzt noch in Scharen anreisen, vor lauter Enttäuschung oder Ärger über so viel maue Kunst nicht mehr wiederkommen.

Erst einmal ist Münster natürlich für Besucher attraktiv wie eh und je und sei es auch nur, weil weitgereiste Besucher aus fernen Ländern hier die Kunst des Fahrradfahrens erlernen können. Die sich einstellende Nackensteife kommt dann aber eher vom vielen Kopfschütteln und Achselzucken angesichts der versammelten Kunstwerke. 

Oder weil jemand versucht hat, dem gedanklichen Konzept hinter der Ausstellung auf die Spur zu kommen: „Körper, Zeit, Raum“ (in Zeiten zunehmender Digitalisierung) lautet die Themenstellung der diesjährigen Ausgabe – das klingt genauso präzise und intellektuell tiefschürfend wie Jan Böhmermanns Fake-Schlager „Menschen Leben Tanzen Welt“. Der wurde allerdings aus Werbeslogans, Kalendersprüchen, Liedzitaten und tweets – und von fünf Schimpansen zusammengepuzzelt.

Nachdem nun also die Skulpturen vertrieben und die Kunst im öffentlichen Raum sowohl zeitlich als auch räumlich abgeschafft wurde, was bleibt?
Die Ausgrenzung aller Nicht-Smartphone-Besitzer, zum Beispiel. Die kommen nicht einmal in den Genuss der grundlegendsten Informationen (es sei denn, sie schleppen das Telefonbuch von Katalog mit sich herum) und können sich manche Kunstwerke gar nicht erst ansehen. Wo ist hier die Barrierefreiheit, wo der Gleichstellungsbeauftragte? Wenn wir jetzt einmal annehmen, dass der Anteil der Smartphone-Nichtnutzer in der Altersgruppe derer ab 65 relativ gesehen am höchsten ist, dann haben die immerhin den Trost, als Senioren exklusiv das Tattoo-Studio von Michael Smith aufsuchen zu dürfen. Vielleicht kann man sich dort ja auch ein schönes Kreuz stechen lassen. Mit einer Umschrift auf schön flatterndem Band:
Collage: Stephan Trescher 2017

„SPM – R.I.P.“

Stephan Trescher für den 
DER MEISTERSCHÜLER

Dr. Stephan Trescher und Ruppe Koselleck kuratierten die kritschen Reihe über die Skulptur, versteckte 2017 – Hierbei entsteht ein Blogbuch zum Großkunstereignis zwischen Stadt- und Kunstmarketing. In lockerer Folge werden sich hier verschiedene Autorinnen und Autoren in Einzelbetrachtungen eine kritische Bestandsaufnahme über diese erfolg- wie folgenreiche Ausstellung leisten.
Diskurs auch auf FB, mögl.
.und mglw. notwendig!