Montag, 13. März 2017

Kunststadt am ausgeschilderten Untergrund

Münsters Kunstszene entlang einer virtuellen U Bahn und mangelnder Drogen analysiert. 

Am 18. April 2015 verliert Münster das Lokalderby gegen Bielefeld und bleibt zu Saisonende drittklassig. Wenig später sind die Ostwestfalen aufgestiegen und unvergessen bleibt der grölende Chor der Arminen: „Wir haben eine U-Bahn und Ihr nicht!“ 

Tief sitzt der Schmerz – und ganz tief unten fährt die U-Bahn, an der es unserem inneren Münster mehr als mangelt. Denn sie erst macht aus dem Dorf eine Stadt, aus der Kunst eine Szene, aus dem Feld eine Welt – kurz was wäre Münster in Weltfalen, wenn es doch ein U nur hätte…

„Vergiß Picasso!“ sprach Antonia Low, als sie die Stadt in Richtung der Hauptstadt des deutschen U-Bahnbaus (> Berlin) verließ. Als Liverpooler „Supertonia“ drehte sie Kurzfilme, erstellte jahresgabentaugliche Konfettiauflagen in Petrischalen und studierte Freie Kunst an der Westfälischen Kunstkademie, bevor sie die Stadt verließ… wie so viele vor Ihr. Nach London, nach Kölle oder Berlin.


Dennoch gab es und gibt es immer wieder Versuche einen Untergrund in Münster zu installieren.
Bereits 1993 eröffnen Jörn Hintzer und Mark Formanek auf dem Domplatz eine U-Bahnstation im Kontext Ihrer Ausstellung „MgM – Münster goes Manhatten“ – geben ein Faltblatt heraus, auf dem sie die Stadtpläne von Neu York und Münster miteinander verbinden, begründen die PARADOXE ESKORTE und lassen Polizeiautos von Stretchlimousinen verfolgen. Ein Hauch von Amerika weht über die güllegeschwängerte Luft in jenen Tagen…. Vier Jahre vor den dritten Skulpturen Projekten hatte sich die erste Utopische Bahn in zentraler Lage realisiert.

Gegenüber der in Stein gehauenen Annette an der Kreuzchance wird 1997 der Metro-Lüftungsschacht an Martin Kippenberger und sein weltumspannendes virtuelles „METRO-NET“ erinnern. Die original Abluftplastik wird für nur 100 Tage als Skulpturenprojekt und präziser noch als das verschraubte Riesenblechpfeifensurrogat im Stadtgrün rumstehen. Doch Martin ist da bereits tot und darüber hinaus kam der auch aus Dortmund. (dass allerdings heute ein großes und ein kleines U am Bahnhof stehen hat).

17 Jahre braucht es bis zur nächsten U-Bahn Station in Münster als dann (endlich!) 2014 Sabine Klupsch und Sascha Unter an der Großbaustelle des Hauptbahnhofs das blaue Schild mit dem weißen U aufstellten. Das gefiel so gut, dass nur ein paar Monate später das Künstlerkollektiv SOZIALPALAST im November 2015 die bislang größte aller non-existenten U-Bahn-Stationen eröffnete. Mittels großer Videoprojektionen wandelten sie die Unterführung am Schloßplatz zum brodelnden Tunnel der Subkultur. „Da ist alles was eine U-Bahn-Station ausmacht: Lärm, Menschen, ein Kiosk, Streetart und Musik! …“ schrieb m.W. die Rheinische Post zur Lage vor Ort.

Untergründige Kunstprojektionen hatten sich zur ausgeschilderten Subkultur des Stadtmarketings entwickelt – gut gemacht und mitgemacht. Irgendwas zwischen pingeliger Pädagogik und peinlicher Partizipation schwallt mit, schwingt auf und hebt endlich ab. Die Szene sucht Räume. Wände sind wehrlos, geduldig und verlangen nach Projektionen – dieser Form flüchtiger Grafittis…
Kunst kann alles und darf dann auch unterirdisch sein, werden und vergehen. Für wen, wo oder für was? Irgendwie. Immer mit Schild. Hauptsache gesund. Muss ja.

„Kunst in Münster“ ist eine erfolg- und folgenreiche Marke, ein Produkt, ein tolles Resultat aus der sporadischen Verabreichung von SKULPTURAN - als Spray oder Projektil - jenem globalen Globuli mit homöopathischer Wirksamkeit in öffentlichen, halböffentlichen und privaten Gesprächen – und Räumen.

Die Skulptur Projekte wirken dabei alle zehn Jahre in den Körper der lokalen Kunstszene wie ein Doping Mittel hinein und helfen auch der Akademie aus seinen ländlichen Puschen zu einer kurzen vorhaltigen und intensiven Blüte.

Für die Ausprägung finanziell besser gestellter Künstlerinnen und Künstler bedarf es – so meint der Meisterschüler - (neben der U-Bahn) weiterer Drogen, auch fetterer Dealer, Waffen und Händler, die größere Summen schwarzer Gelder schnell reinwaschen müssen.

Es fehlen uns hierzuhause Geheimdienste und Millionäre, die sich langweilen und ihren Frauen nach dem überführten Ehebruch schnell noch so eine Leinwand kaufen (müssen), die dann aber auch mal so richtig teuer sein darf. Teuer wie ein Diamant. Es muss Schmerzen, sonst wirkt es nicht! 

Und auf genau diesen Kundentypus wartet die Szene in Münster – man riecht und fühlt es: das PINSELGEWINSEL hinter halb verschlossenen Ateliertüren. Warten bis jemand kommt und klopft und dem kleinen Artisten die frische Leinwand von der Staffelei wegfischen will.

Gut, wir haben den „Hawerkamp“ als lokales Bronx Surrogat und ästhetische Totalinstallation zwischen Betonröhren, Bahnbrücken und badetauglicher Kanalanlage - zehn Fußminuten zum Straßenstrich am Industrieweg. (…und mehr als 49 Künstlerinnen, auch.)
Schlechter schon – aber immerhin, teurer – dort am Kreativkai, wo Münster versucht Düsseldorf ins Altbier zu spucken, gibt es die „Kunsthalle“ und den suburbanen Speicher II, viel Volk und Bier und lecker Pizza.

Hier gründete sich 2010 der BERLINER KUNSTVEREIN (BKV), weil es im Eigentlichen Berlin nur noch den Neuen Berliner Kunstverein (NBKV) gab. Oliver Breitenstein und Ruppe Koselleck (Redaktion) kuratierten über dreikommafünf Jahre Ausstellungen und Performances in der Peripherie der Hauptstadt. 




Nach kürzester Zeit zählte der BKV mehr Freunde auf Facebook als die Berliner Kollegen im Osten und mittels der website (www.berliner-kunstverein.com ) begannen die digital bestens besuchten Ausstellung sich auch zu verkaufen. Dass der BKV mehr virtuelle Besucher als der LWL zählte, half nur kurz, denn aus partiell inhaltlichen und formal heterofiskalischen Gründen zerbrach die Webpräsenz des Berliner Kunstvereins auseinander. Was tun? – Im Zentrum der Peripherie?

Gälte es hier die ganze Szene der Stadt zu putzen, bräuchte man ebensoviel Verbandsmaterial für die Verletzungen wie Leinwand für die Seele, man bräuchte Stahl, Messer und Scheren für die Skulpturen, ein wenig Video und Verweise auf die Schulstraße, den FAK oder den Bremsenprüfstand… Vollzählig aufzuführen, alle? – ein Graus.

Nicht verschweigen jedoch wollen und müssen wir den Musenservice – von Ilona Plattner und Anja Kreysing (2001/02), (Zeig mir Dein Sofa – und ich mach Dir Dein Bild!)… Wovon also lebt die Provinz, wenn der Künstler in der Hauptstadt hungert? Und wenn dann noch die Berliner erfolgreich in der Peripherie verkaufen täten? Was dann wieder tun?
„…den Westfalen zu überzeugen, weniger Land und mehr Kunst zu kaufen. So verstehe ich meinen Job hier in der Stadt.“ (>Thomas Hak, 1999) 

Vergebens?. Nein, nur günstiger als wie man denkt, denn nach von Bülows (>Susanne) Diktion „Nicht der Künstler – die Lage macht den Preis!“ kommt es dann doch zu dem szenetischen Ereignis, vereinzelt: der Ankauf (?), vielleicht zwei – und aber immer einen Besuch wert! 

(>Münster? nur die Drogen muss man sich selber mitbringen….) 

Denn Kunst in Münster heißt die Tradition der Avantgarde zu einem Pumpernickel aufzumischen, welcher dann als schwarzer Quadratkäse Fördergelder generieren kann. Doch bedenke: dass „das Gegenteil einer Einstellung noch lange keine Ausstellung ist“ (Lara Lohse)
So und nun und schlußendlich ein letztes Wenn.

Denn wenn man von Münster die Kunstszene abzieht, so lasst uns getrost nur noch von Warendorf sprechen.

In diesem Sinne
Keine Freunde – keine Kompromisse.

Adad Eklir und Ruppe Koselleck
für den DER MEISTERSCHÜLER


Ilse Wecker und Ulrich Karst präsentieren am 21. März 2017 ihr FotoBuchSzäneProjekt inkl. all dessen, was die Kumstzene einer Stadt ausmachen könnte - Entstanden sind eine Reihe von Portraits, die in Buchform um 17:30 Uhr im RP-Gebäude am Domplatz zu Münster vorgestellt werden.
Sie und Ihre Freunde sind in diesem Kontext herzlich eingeladen. Bestellungen hier auch.